27.03. — 02.08.2026 | Dienstraum
Rachel Bühlmann – mycloud
Dienstraum #29
Aussenstation der Ausstellung «Hinterm Horizont geht's weiter!»
Auf Einladung der SBB bespielt das Kunstmuseum Olten einen ehemaligen Dienstraum auf dem Perron 7 neben dem legendären Bahnhofsbuffet mit zeitgenössischer Kunst. Die 29. Intervention hat die Fotografin Rachel Bühlmann (*1977) als Aussenstation zur Museumsausstellung Hinterm Horizont geht's weiter! gestaltet. Ihre Präsentation beschränkt sich auf ein Bild, die Fotografie «mycloud» von 2021, präsentiert auf einem Leuchtkasten.
Im Werk «mycloud» thematisiert die Künstlerin die Dampfwolke des Kernkraftwerks Gösgen als architektonische Erscheinung. Dabei legt sie den Fokus auf den Prozess (statt auf das Objekt) und auf die Atmosphäre (statt auf die Fassade). Indem sie sich also auf Zustände, Betriebsformen und Infrastruktureffekte bezieht, führt die Arbeit zu einer Verschiebung in der gängigen Wahrnehmung von Architektur.
Die Wolke fungiert als paradoxes Wahrzeichen, das sich gleichzeitig durch Flüchtigkeit und Verlässlichkeit auszeichnet. Sie ist lesbar und ortsbildprägend, was sie zu einem wesentlichen Element der Landschaftsarchitektur macht. Sie fungiert als Bindeglied zwischen verschiedenen Regionen, prägt das kollektive Gedächtnis und die räumliche Orientierung, ohne jedoch jemals in einer festen Form zu ankern.
Gleichzeitig hat die Wolke mehrere Bedeutungsebenen: Im Abendlicht präsentiert sie sich als idyllische Erscheinung, ist jedoch gleichzeitig Zeugnis eines unsichtbaren, potenziell gefährlichen Energieprozesses.
Die künstlerische Untersuchung, in deren Kontext die Fotografie «mycloud» entstanden ist, beschäftigt sich mit potenziellen Ruinen der Zukunft. Konkret geht es um eine Gegenwart, die bereits ihre Endbilder mitdenkt. Die anfänglich unauffällige Form der Dampfsäule verweist auf die potenziellen Gefahren nuklearer Technik; das Sanfte in der Wolkenform kann als Metapher für die Härte der Technologie interpretiert werden. Bühlmanns Fotografie hält diese Ambivalenz – zwischen Faszination und Dystopie – in der Schwebe. Die Wolke manifestiert sich als temporäres Monument einer Landschaft und veranschaulicht die Transformation von Infrastruktur in ein visuelles Element, das unsere Lebensräume gestaltet.
Bildarchitektur und Referenzen
Bühlmanns sorgfältig komponierte Bilder lassen einen versierten und lustvoll hintergründigen Umgang mit dem Bilderfundus der Kunstgeschichte ebenso wie der Pop- und Alltagskultur erkennen.
Formal wird die Fotografie «mycloud» von Gegensatzpaaren dominiert: Wellen und Zacken, Horizontalen und Vertikalen oder flüchtige und (vermeintlich) stabile Elemente stehen sich gegenüber.
Thematisch lassen sich vielfältige Referenzen ausmachen, von romantischen Filmszenen oder Postkartensujets über die Flut von Sonnenuntergängen, die in privaten «cloud»-Speichern schlummern, bis hin zu heroischen Gebirgsdarstellungen als Genre der europäischen Landschaftsmalerei oder zum Motiv des Wolkenbildes, das Künstler:innen seit dem 17. Jahrhundert beschäftigt. Diesbezüglich drängt sich der Gedanken an eine Ikone der Deutschen Romantik besonders auf: Als Betrachter:in könnte man versucht sein zu meinen, man schaue durch die Augen von Caspar David Friedrichs berühmtem «Wanderer über dem Nebelmeer» auf den Wolkenteppich über der Sächsischen Schweiz hinab – wären da nicht die Helvetischen Alpen am Horizont. Vielleicht lassen sich einige der Deutungsansätze des Gemäldes von 1818 durchaus auch auf «mycloud» übertragen? Dann liesse sich die Fotografie verstehen als Metapher für Leben und Todesahnung, für Begrenztheit und Weite, Höhe und Abgrund, Glaube und Irrung oder für den Blick in die Zukunft.
Am Horizont verwehrt eine Gebirgskette den Blick in die Ferne – ein Blick übers mittelländische Nebelmeer statt «freie Sicht aufs Mittelmeer». Die imposante Kulisse impliziert Beständigkeit, steht für Erhabenheit und Freiheit – vielleicht gar für die Schweiz als Hort von Demokratie, Qualitätsstandards und traditionellen Werten. Dass die Alpen jedoch immer schneller bröckeln und selbst die Toblerone-Gipfelzacken längst nicht mehr unverrückbar für Swissness stehen, untergräbt das Bild von Stabilität und erinnert an die alte Vorstellung, die Alpen als Ruinen der Erdgeschichte anzusehen.
Wolke und Berg – zwei emotional aufgeladene Zeichen – von Menschenhand geschaffen und von der Natur geformt – verbinden weitreichende zeitliche Perspektiven zu einer jetztzeitigen Seelenlandschaft.
Werkkontext – Die Wolke
Die ausgestellte Fotografie «mycloud» steht in Bezug zur Serie «Die Wolke». Seit Rachel Bühlmann in Niedergösgen wohnt, fotografiert sie den Sonnenuntergang in der Gösger-AKW-Wolke immer und immer wieder. Die Serie wird so lange weiterwachsen, bis Wiederholung und Routine sie für das visuelle Spektakel immunisieren werden. Es handelt sich also nicht um einen Fetisch, sondern um die Suche nach Katharsis.
Aktualität
Die Ausstellungseröffnung fällt zusammen mit dem Zeitpunkt der Wiederaufschaltung des Kernkraftwerks nach einer fast einjährigen Produktionspause. Nach mehrmonatiger Absenz kehrt «Manitu», wie die Dampfwolke im Volksmund auch genannt wird, als prägendes Element in die Landschaft um Olten zurück.
Wir danken
dem Lotteriefonds des Kantons Solothurn für die finanzielle Unterstützung, der Makro Art AG für ihren Sponsoringbeitrag sowie der SBB für die Möglichkeit, den Dienstraum zu bespielen.
Künstler*innen
Rachel Bühlmann
Die 1977 im Thurgau geborene Fotokünstlerin Rachel Bühlmann lebt und arbeitet heute in Niedergösgen nahe der AKW-Wolke.
Nach einer Fotografie-Lehre hat sie an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Aarau Medienkunst und an der Universität der Künste Berlin Sound Studies studiert. Ihr fotografisches Werk umfasst eine grosse Bandbreite an Sujets, von Stillleben, die an altmeisterliche Gemälde erinnern, über Landschaftsaufnahmen bis hin zu Architektur. Als «Frankie Teardrop» ist sie auch als DJ und Soundkünstlerin tätig.
Rachel Bühlmann verbindet mit Fotografie das Erzählen von Geschichten. Dabei sind ihre Bilder allerdings kaum inszeniert, vielmehr fotografiert sie, was da ist – entsprechend wichtig sind Ausschnitt, Beleuchtung und Atmosphäre. Um zu treffen, was sie sucht, kehrt sie deshalb oft mehrfach an Orte zurück, um Motive in einem anderen Licht oder anderer Stimmung zu sehen. Die intensive Auseinandersetzung mit den Orten, die sie fotografiert, ist für sie von zentraler Bedeutung.
Als Fotografin zeichnet sich Rachel Bühlmann durch ein pointiertes Interesse an Architektur, aussergewöhnlichen Gebäuden und räumlichen Konstellationen aus. Ein besonderes Faible hat sie für die Architektur des Brutalismus, für Ruinen und dystopische Szenarien. Inhaltlich orientiert sie sich gerne an der Popkultur in ihrer ganzen Breite, von der Musik über zeitgenössische Literatur und Filme, aber auch Artefakte, insbesondere der 1960er-/1970er-Jahre.
Eine schöne Charakterisierung ihrer Arbeitsweise von Xenia Helms findet sich HIER
Im Kunstmuseum Olten waren Fotografien von Rachel Bühlmann bereits zweimal im Rahmen von Gruppenausstellungen zu sehen:
- 2022 Put on Your Red Shoes (and Dance the Blues)!
- 2024 Oltenburg. Zeitgenössische Kunst aus Olten und Altenburg DE
Werke in öffentlichen Kunstsammlungen:
- 2024 Aargauer Kunsthaus
- 2023 Förderverein Fotostiftung Schweiz
- 2022 Kunstmuseum Olten
- 2021 Kunstsammlung Stadt Aarau
- 2021 Kunstsammlung Kantonsspital Aarau
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