22.08. — 08.11.2026 | Museum
Aufbruch in die Farbe
Ferdinand Gehr, Petra Petitpierre, Rudolf Urech-Seon
Unter dem Titel «Aufbruch in die Farbe» bringt die Ausstellung Werke von drei Kunstschaffenden zusammen, die in den 1930er- bis 1950er-Jahren konsequent den Weg in die Abstraktion gegangen sind, ohne jedoch die Referenzen auf die reale Welt ganz aufzugeben.
Auf der Suche nach einer neuen Bildsprache für die Artikulation spirituell-religiöser, geistiger und kunstimmanenter Themen oder tiefer Naturerlebnisse haben Ferdinand Gehr (1896–1996), Petra Petitpierre (1905–1959) und Rudolf Urech-Seon (1876–1959) je einen unverwechselbar eigenen Farb- und Formenkosmos geschaffen.
Mal voller vibrierender Energie, mal tiefe Ruhe ausstrahlend, entfalten ihre Werke – getragen von der Harmonie der Formen und der Leuchtkraft der Farben – eine magnetische Anziehungskraft. Es sind zugängliche, ästhetisch wie emotional packende Bilder voller Zauber – Bilder, die der Seele gut tun. In diesem Sinne denken wir uns die Ausstellung auch als eine Art «Kraftort» – bright colours for dark times.
Da die Nachlässe aller drei Kunstschaffenden von direkten Nachkommen mit grossem Engagement und Sachkenntnis vorbildlich betreut werden (im Falle von Gehr und Urech-Seon sind daraus Stiftungen resultiert), bietet sich das Projekt auch für die Auseinandersetzung mit dem Thema Nachlassbetreuung an. Ein Symposium ist in Vorbereitung.
Obwohl die drei künstlerischen Positionen sich in vielerlei Hinsicht deutlich unterscheiden, erscheinen sie doch in gewisser Weise auch verwandt. Wir erachten eine gemeinsame Präsentation deshalb als produktiv und sind überzeugt, dass aus der Begegnung anregende Dialoge und neue Blicke auf die einzelnen Werke resultieren werden.
Die drei Künstler:innen gehören unterschiedlichen Generationen an (zwischen der Geburt von Urech-Seon und Petitpierre liegen 30 Jahre), sie kommen aus verschiedenen Regionen der Schweiz (Gehr aus der Ostschweiz, Petitpierre, aus Zürich stammend, war hauptsächlich im Kanton Bern verwurzelt, und Urech-Seon hat sein Leben im aargauischen Seetal verbracht), und auch in Bezug auf Herkunft, Ausbildung, Werdegang, Netzwerk und Rezeption unterscheiden sich ihre Biographien. Berührungspunkte gibt es bei Petitpierre und Urech-Seon über ihre Mitgliedschaft bei der Allianz (sie haben jedoch nie gemeinsam ausgestellt), bei Gehr und Petitpierre über die Ausbildung bei André Lhote in Paris. Dass alle drei ausserhalb des Mainstream ihre Vision konsequent verfolgt haben – allem Unverständnis und Gegenwind zum Trotz – kann gerade in unserer Zeit auch Inspiration bieten und Mut geben.
Künstler*innen
Ferdinand Gehr
Ferdinand Gehr (1896 Niederglatt SG – Altstätten SG 1996) nimmt heute als Erneuerer der religiösen Kunst einen festen Platz in der Schweizer Kunstgeschichte ein; zu Lebzeiten wurde seinem Werk oft mit Unverständnis und vehementer Ablehnung begegnet. Im Verlauf seines langen Lebens hat er gemeinsam mit führenden Architekten seiner Zeit über 140 Kunst-und-Bau-Projekte (Fresken, Glasgemälde, Teppiche, Keramik) in der ganzen Schweiz und im Ausland realisiert und darüber hinaus ein grosses Korpus an Gemälden, Aquarellen und Holzschnitten geschaffen. Als Sohn eines Handstickers in der Ostschweiz aufgewachsen, hat er zunächst eine Ausbildung zum Stickerei- und Textilzeichner durchlaufen und sich später auf zahlreichen Reisen und 1923/1924 beim französischen Maler und Kunsttheoretiker André Lhote in Paris weiter-gebildet. Wichtige Bezugspunkte waren Cézanne, Picasso und Hans Arp, der ihm zum Freund wurde, sowie die Kubisten, Emil Nolde und Henri Matisse. Dass er Hugo Ball 1937 seinen «Dämonenfries» widmete, belegt, wie dezidiert er sich als Zeitgenossen sah.
Durch formale Reduktion, Abstraktion und kompromisslose Konzentration auf leuchtende Grundfarben entwickelte er eine eindringliche Bildsprache, deren spirituelle Botschaften sich – vergleichbar mit den gefeierten Bildern von Mark Rothko oder Barnett Newman – erst in kontemplativ-meditativer Betrachtung und Versenkung voll erschliessen. In einfachen Formen und klaren Farben sind sie nichts Minderes als ein grosses Lob der Schöpfung.
Mit Olten ist Ferdinand Gehr über sein grosses Chorwandfresko für die Marienkirche von 1952 verbunden. Darauf Bezug nehmend hat das Kunstmuseum Olten 2016 eine grosse Ausstellung mit Katalog zu Gehrs Kunst-und-Bau Projekten realisiert.
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Petra Petitpierre
Petra Petitpierre (1905 Zürich – Murten 1959) studierte Ende der 1920er-Jahre am Bauhaus in Dessau bei Josef Albers, Wassily Kandinsky und v. a. bei Paul Klee, dem sie 1931 nach Düsseldorf folgte und dessen Meisterschülerin sie wurde. Somit hat sie ihre Ausbildung an wichtigen Brennpunkten der Avantgarde genossen. Nach ergänzenden Studien in Paris bei Fernand Léger und an der Malschule von André Lhote liess sie sich 1934 gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Architekten Hugo Petitpierre, in Murten nieder, wo sie bis zu ihrem krankheitsbedingt frühen Tod im Jahr 1959 lebte und arbeitete.
Die erneute Begegnung mit Paul Klee 1937 in Murten gab ihr den Anstoss zur Wiederaufnahme einer regelmässigen künstlerischen Arbeit, die zweitweilig von einer – den Lebensumständen als Ehefrau und Mutter und dem Scheitern ihrer Ehe geschuldeten – persönlichen Krise unterbrochen worden war. In der Folge hat sie in kontinuierlicher Arbeit zu einer sich mehr und mehr von den Anregungen des Bauhauses lösenden individuellen Gestaltung gefunden, die von koloristischer Delikatesse geprägt ist und universelle, aber auch gesellschaftliche, zwischenmenschliche und feministische Themen in mehrheitlich abstrakten, bewegten, oft tänzerisch, spielerisch oder poetisch anmutenden Kompositionen behandelt.
Ab 1950 beginnt sie sich mit Formprinzipien des Kubismus und Orphismus auseinanderzusetzen. Es entstehen rein abstrakte Kompositionen mit kristallartig strukturierten, zu Architekturformen zusammengeschlossenen leuchtenden, geometrischen Farbflächen vor einheitlichem Bildgrund. Petitpierre sieht in den Farben das Wesentliche der Malerei. Trotz dem Vordringen in die Abstraktion bleibt die Bindung an das Gegenständliche immer fühl- und sichtbar.
Technisch ist ihr Schaffen breit gefächert: neben der Malerei und verschiedenen Mischtechniken nehmen Zeichnung, Druckgraphik und Papierrisse eine wichtige Rolle ein. Petitpierre hat aber auch Gedichte und Texte unterschiedlicher Ausprägung verfasst, u. a. zu kunsttheoretischen und pädagogischen Themen.
In Murten fühlte sie sich zeitlebens künstlerisch, geistig und geografisch isoliert. In ihrem Haus, das sie als «Klein-Weimar» bezeichnete, besuchten sie jedoch Freund:innen aus aller Welt. Durch die Mitgliedschaft bei der Allianz (1942), bei der Gesellschaft Schweizerischer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen GSMBK und beim Lyceumclub fand sie Anerkennung und Förderung. Eine Einzelausstellung in Bern brachte ihr 1945 die erste öffentliche Würdigung in der Schweiz. Bis zum Ausbruch einer schnell fortschreitenden Polyarthritis im Jahr 1957 stellt sie regelmässig aus und war auch als Kunstpädagogin tätig.
Petra Petitpierre ist in der Sammlung des Kunstmuseums Olten mit wichtigen Werken vertreten. 1995 hatte ihr Peter Killer, der damalige Museumsleiter, hier ihre erste grosse monographische Museumsausstellung mit Katalog ausgerichtet.
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Rudolf Urech-Seon
Rudolf Urech-Seon (1876 Seon – Seon 1959) hat fast sein ganzes Leben im aargauischen Seetal verbracht – mit Ausnahme einiger Reisen und seiner Ausbildung an der Akademie in München, wo er sich mit dem Schaffen von Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach, Hans von Marées und den deutschen Spätimpressionisten beschäftigte. Im Lauf der 1930er-Jahre fand er mit gedämpften, gebrochenen Farbklängen allmählich zur geometrischen Abstraktion, wobei der gegenständliche Ausgangspunkt ablesbar blieb. Seither gilt er als erster und lange einziger Maler im Kanton Aargau, der sich mit der Abstraktion auseinandersetzte, was ihm Unverständnis und vehemente Kritik der stilistisch konservativen GSMBA-Kollegen einbrachte. In der dadurch bedingten Isolation verfolgte Urech-Seon den eingeschlagenen Weg beharrlich weiter. Er orientierte sich an den Ausstellungen der Avantgarde in Zürich und Basel (1932 Picasso, 1933 Braque, 1938 Le Corbusier).
Zu Beginn der 1940er-Jahre setzte er sich im Bann des Kriegsgeschehens mit surrealistischen Bildkompositionen auseinander. Kürzelhafte Bildzeichen und amorphe Figuren tauchen in symbolhaftem Braun und Rot auf. Die angedeuteten Bildaussagen werden in klar begrenzten Flächen und sinnbildlichen Farben umgesetzt. Ab 1945 entstehen schliesslich Kompositionen mit geometrischen und rund schwingenden Formen in intensiven Farben, ohne dass der Bezug zur Gegenständlichkeit ganz aufgegeben wird. Diese Werke kann er ein Jahr darauf zu seinem 70. Geburtstag in der Zürcher Galerie «Des Eaux-Vives» zeigen, die vor allem Werke der Zürcher Konkreten und der schweizerischen avantgardistischen Künstlervereinigung «Allianz» präsentiert. 1946 tritt er dieser Vereinigung bei und stellt fortan nur noch im Zusammenhang mit der Allianz aus. Er lebt zurückgezogen und isoliert sich von der GSMBA. Zurückgezogenheit bedeutete für Urech-Seon aber nicht Stillstand. Die verhaltene Anerkennung in Zürich bestärkte den Siebzigjährigen und führte zu seinem Hauptwerk, das von einer heiteren Gelassenheit, feinem Humor durchzogen zu einer poetischen Abstraktion in klaren Farben fand: gelb, ultramarinblau, rot, lila und graugrün, dem typischen «Urech-Grün» der Bilder der 1950er-Jahre. Erst wenige Wochen vor seinem Tode legte er die Pinsel weg…
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